Clean World Energies GmbH

Die Jülicher Firma Clean World Energies (CWE)[1] sucht derzeit (2011) Anleger für das „Freie-Energie-Geschäftmodell“, um so genannte „Super Cube“ – H-Reaktoren zu produzieren. Dabei handelt es sich um Vorrichtungen zur Elektrolyse von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff. Zur Firma gehören auch die Unternehmen 4CleanEnergy und 4CleanProduction.

H-Reaktor

Der H-Reaktor wird von CWE als ein Hochleistungs-Elektrolyseur bezeichnet, der unter Zufuhr elektrischer Energie eine Elektrolyse aufbereiteten Wassers in Wasserstoffgas und Sauerstoff derart realisieren soll, dass bei der anschließenden Verbrennung des Wasserstoffs mehr Energie freisetzbar sei, als zugeführt wurde. Der Energieerhaltungssatz wird nicht angetastet heißt es bei CWE. Die Firma schreibt dazu auf ihrer Webseite:

[…] Wir haben nach langer Zeit ein neues Verfahren entwickelt, mit dem es möglich ist, Elektrolyse mit relativ geringer Eingangsleistung in eine extrem hohe Ausgangsleistung zu verwandeln! In ersten Tests gelang es bei einer Eingangsleistung von 100 Watt eine Ausgangsleistung von 2,5 m³ Wasserstoffgas (ca. 22 KW Brennwert) in 30 Minuten zu erzeugen. Mittlerweile sind diese Werte noch mal deutlich verbessert worden!!!

Demnach werden also nach CWE-Angaben mit 0,1 kWh elektrischer Energie 5 m³ Wasserstoffgas erzeugt. Moderne Elektrolyseverfahren (Stand der Technik) benötigen zur Herstellung von 1 m³ Wasserstoff jedoch eine Stromenergie von 4,3–4,9 kWh. Die Firma CWE behauptet also, die Ausbeute der Elektrolyse um den Faktor 215 verbessert zu haben. Die Angabe „22 kW Brennwert“ ist zudem unsinnig, da dafür korrekterweise die Einheit J oder kWh verwendet wird. 1 Kubikmeter Wasserstoffgas hat einen tatsächlichen Brennwert von 11,7 MJ oder 3,2 kWh (1 kg 33,3 kWh).[2] Die mit 0,1 kWh zugeführter Energie angeblich erzeugten 5 m³ Wasserstoffgas hätten also einen Brennwert von 16 kWh. Diese Energie ließe sich unter den bekannten Verlusten einer Wärmekraftmaschine problemlos nutzen, um die notwendige Energie zur Elektrolyse zur Verfügung zu stellen. Mit anderen Worten: Zum H-Reaktor der Firma CWE werden Behauptungen aufgestellt, die für ein physikalisch unmögliches Perpetuum Mobile gelten würden.

Produkte

Bereits verbaute Produkte der CWE werden auf der Webseite in Bildern vorgestellt. Dazu wird jedoch behauptet, es handele sich um Anwendungen einer „Wasserstoffzugabe“. Die Wasserstoffgaszugabe soll dabei den Kraftstoffverbrauch senken und Schadstoffemissionen vermindern. Bei LKW ließen sich nach CWE-Angaben „bis zu 28%“ des Treibstoffs einsparen. Die elektrische Energie zur Elektrolyse wird bei all diesen Konzepten generell aus dem 12-Volt-Bordnetz gewonnen. Derartige „Wasserstoffzugaben“ sind seit Jahren ein Geschäft, insbesondere in den USA, wo sie als „HHO Fuel Saver“ oder „Hydroxy Booster“ angeboten werden. Oft ist dabei von HHO-Gas oder „Browns Gas“ die Rede, um vom bekannten Knallgas abzulenken. Meist wird bei diesen Konzepten ein Knallgasgemisch zusätzlich zum Treibstoff mit verbrannt. Bei dem CWE-Konzept sollen hingegen Wasserstoff und Sauerstoff getrennt dem Motor zugeführt werden. Dass bei der Elektrolyse nur unter bestimmten Voraussetzungen brauchbare Wirkungsgrade erzielt werden können, die Lichtmaschine ebenfalls nur unter Verlust Strom aus der Motorleistung gewinnt, wird verschwiegen. Auch wird nicht erwähnt, dass sich bei zusätzlichem Wasserstoff die Verbrennungstemperatur erhöht und mehr Stickoxide freigesetzt werden.

Quellennachweise

  1. Clean World Energies GmbH, Gartenweg 3, 52428 Jülich. Webseiten: clean-world-energies.de 4cleanenergy.de. HRB 5097 beim Amtsgericht Düren. Geschäftsführer Bodo Oepen
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Steorn

Steorn Ltd. ist der Name einer irischen Firma aus Dublin, die behauptet, ein „Orbo“ genanntes Perpetuum Mobile realisiert zu haben, das in der Lage sei, entgegen den Gesetzen der Physik Energie in prinzipiell unbegrenzter Menge zur Verfügung zu stellen.

Steorn machte im August 2006 in einer viel beachteten Großanzeige in der englischen Zeitung „The Economist“[1] auf sich aufmerksam. Darin wurde behauptet, dass Steorn eine Technologie entwickelt habe, die in der Lage sei, „free, clean and constant energy“[2] zur Verfügung zu stellen und dass man nun Wissenschaftler dazu auffordere, die Technologie zu prüfen und die Ergebnisse zu verkünden. Die Annonce muss laut Anzeigenpreisliste der Zeitung etwa 125.000 Euro gekostet haben (£ 85.200).

Mehrere Versuche, ein funktionierendes Orbo-PM der Öffentlichkeit zu demonstrieren, scheiterten. Eine Gruppe von Wissenschaftlern, denen es gestattet war, die Vorrichtung in Augenschein zu nehmen, konnte keine Anzeichen einer Energieerzeugung „aus dem Nichts“ erkennen.[3]

Am 15. Dezember 2009 wurde in Dublin (Waterways Centre Building) ein angeblich funktionierendes Orbo-Modell aus Plexiglas vorgestellt. Auf der Internetseite von Steorn wurden Videostreams veröffentlicht, die zeigen sollten, dass sich das Modell unablässig dreht.[4]

Die Behauptungen der Firma Steorn zu ihren „Orbo-Technologien“ widersprechen dem ersten Hauptsatz der Thermodynamik, der besagt, dass in einem geschlossenen System Energie weder erzeugt noch vernichtet, sondern nur in eine andere Energieform umgewandelt werden kann.[5]

Orbo

Orbo-Prinzip (Bild:sTeorn-Video)

Die von Steorn erwähnte Wundertechnik wird als „Steorn Orbo Technology“ bezeichnet, die auf einer erfundenen „time variant magneto-mechanical interaction“[6] basiere und dazu geeignet sei, „saubere Energie“ für Anwendungen in tragbaren Musikanlagen und Automobilen zu liefern. Es sei eine „over-unity technology“, was bedeute, dass mehr Energie erzeugt werde, als zum Betrieb notwenig sei. Orbo ist eine markenrechtlich geschützte Bildmarke.

In älteren Veröffentlichungen hatte Steorn behauptet, Energie durch Anwendung einer zeitabhängigen magnetischen Viskosität gewinnen zu können, einem Effekt, den Steorn quasi als Einziger verstanden hätte. Laut Steorn würde das schnelle Zusammenführen von zwei Magneten weniger verbrauchen als das spätere langsame Auseinanderziehen, weil die Magnete nicht ausreichend Zeit zur Neuausrichtung der magnetischen Domänen hätten.

Bei dem in Dublin vorgeführten eOrbo-Prinzip soll impulsförmig fließender Strom aus einer kleinen Batterie in mehreren kleinen Spulen zu einem Magnetfeld führen, der die anziehenden Kräfte von rotierenden Permanentmagneten in unterschiedlicher Weise beeinflusse: bei Annäherung des rotierenden Permanentmagneten soll die anziehende Kraft maximal sein, während sie in der Phase der Entfernung abnehmen soll. Dazu war in der Vergangenheit bereits eine Broken Symmetry-Hypothese von einem Tom Bearden formuliert worden.[7] Der jeweilige richtige Moment zum Stromfluss soll dabei durch einen Magnetkontakt (Reedkontakt) bestimmt werden. Durch die Rotation der Permanentmagneten soll gleichzeitig in anderen Spulen ein Stromfluss induziert werden (nach dem bekannten Induktionsgesetz), der nach Gleichrichtung ausreiche, die Batterie wieder zu laden. Gleichzeitig sei die abgegebene elektrische Leistung größer (overunity) als die zum Betrieb notwendige Leistung, sodass sich ein Batteriewechsel erübrige.

Demonstrationen

Am 4. Juli 2007 sollte ein Demonstrationsmodell im Londoner Kinetica Museum (Spitalfields Market) vorgestellt werden. Aufgrund technischer Probleme wurde die Vorstellung verzögert und dann abgesagt. Steorn erklärte anfangs, dass das Modell durch Hitze durch zu helles Scheinwerferlicht gestört worden sei.[8] Später hieß es, es wäre zu einem „Treibhauseffekt“ im Modell gekommen..[9][10]

Am 15. Dezember 2009 begann eine vorab in Mitteilungen und einem Video angekündigte Demonstration eines Modells im Dubliner Waterways Visitor Centre, mit gleichzeitigem Angebot von drei Videostreams im Internet (Links: [1] [2] [3]). Die Vorführung des Live-Streams wurde mehrfach unterbrochen. Auch konnten Reinigungskräfte beobachtet werden, die die Demo-Motoren außer Sichtweite brachten, um sie später, nach Reinigung des Aufstellungsorts, wieder zurückzubringen.

Das Modell mit Permanentmagneten wird von einer kleinen wiederaufladbaren Batterie angetrieben, die durch den Betrieb kontinuierlich wieder aufgeladen werde und sich so nicht entlade. Steorn gab sogar an, dass das „Orbo 2009“-Modell dreimal soviel Strom liefere, wie es verbrauche und die überschüssige Leistung würde als Wärme freigesetzt. Die Antriebsenergie stamme von den eingesetzten Permanentmagneten (Orbo is a technology that creates energy from magnetic interactions.).[11] Die Vorführung sollte laut Steorn 6 Wochen dauern, mit einer Unterbrechung vom 24. Dezember bis 4. Januar 2010. In den gezeigten Aufnahmen sind keine Messgeräte zu sehen, die die Stromabgabe oder Stromaufnahme der Batterie anzeigen. Eine exakte Energiebilanz wäre laut Steorn wegen der „complexity“ des einfachen Motors nicht möglich gewesen. Da nicht ausgeschlossen werden kann, dass das Modell ausschließlich durch die gezeigte wiederaufladbare Batterie (1,2 V/10 Ah) betrieben wird, ist die Demonstration nicht geeignet, Steorns Behauptungen zu belegen. Mehr Aufschluss könnte nur eine unabhängige Untersuchung ergeben, bei der beispielsweise Ladespannung und Ladestrom der Batterie (oder eines Kondensators hoher Kapazität) über einen längeren Zeitraum kontinuierlich protokolliert werden, um daraus die Energiebilanz des Systems zu ermitteln. Einen Kondensator als Zwischenspeicher für Energie an Stelle der wiederaufladbaren 10 Ah-Batterie wolle Steorn nach eigenen Angaben nicht erwägen, da Kondensatoren angeblich elektrischen Strom „verzögert“ abgeben würden („Capacitors have a delay in delivering current“).[12] Tatsächlich sind Kondensatoren jedoch in der Lage, Strom verzögerungsfrei abzugeben.

Überprüfungen

Eine Gruppe von ausgesuchten Wissenschaftlern, die sich zu einer von Steorn gebildeten Jury zusammenfanden, konnte die Orbo-Technik in Augenschein zu nehmen. Vorsitzender der Jury war Ian MacDonald, eine emeritierter Elektrotechnik-Professor der University of Alberta. Im Juni 2009 kam sie einstimmig zum Ergebnis, dass Steorn keinen Nachweis liefern konnte, Energie in der behaupteten Weise „produzieren“ zu können.[13][3] Die Jury-Mitglieder mussten sich einer Geheimhaltungsklausel unterwerfen.

Rezeption

Die Anzeige im Economist und die Behauptungen von Steorn fanden in mehreren Ländern einen Widerhall in Zeitungsartikeln und bei Bloggern. Artikel in wissenschaftlichen Fachzeitschriften liegen nicht vor (Stand März 2011).

Steorn Ltd.

Sean McCarthy

Steorn Ltd. ist eine im Jahr 2000 gegründete Dubliner Kleinfirma. Firmenchef ist der Ire Sean McCarthy (manchmal auch „Shaun David McCarthy“ genannt). Als Geschäftsfeld wird angegeben, dass man eine „leading Intellectual Property development company“ sei. In der Vergangenheit widmete sich Steorn tatsächlich als „dot com-Firma“ dem Internet-Business sowie Techniken, um Fälschungen und Betrug bei Plastikkarten und optischen Datenträgern zu verhindern. Im Oktober 2001 gab Steorn auf seiner Webseite an, eine „specialist service company providing programme management and technical assessment advice for European companies engaging in e-commerce projects“ zu sein. Steorn schien an der Entwicklung von Mikrogeneratoren zu arbeiten, die kleine Mengen elektrischer Energie aus Bewegungsenergie gewinnen, etwa für batterielose Armbanduhren. Später wurde ein USB-Hallsensor zur Magnetfeldmessung sowie ein „Magnetic Torque Measurement System“ (zur Messung einer „pure torque“ von Permanentmagneten) entwickelt und vermarktet.

Im Jahr 2006 soll Steorn durch Investoren 2,5 Millionen Euro eingenommen haben. Insgesamt hat Steorn mehr als 8 Millionen Euro von Investoren erhalten und gab dafür Firmenanteilsscheine aus. Kritiker werfen Steorn vor, lediglich ein geschicktes Marketingunternehmen zu sein, dass durch die Behauptungen das Interesse auf sich selbst lenke, um zukünftige Kunden zu gewinnen.

Sean McCarthy danke im 14. Februar 2011 als Sekretär(Direktor) von Steorn ab, der neue Vorstand besteht aus den Hauptinvestoren, die zusammen mehr als 10 Millionen in Steorn Anteilen halten. Am 2. März 2011 wurde eine neue Firma „The Steorn Orbo Trust“ gegründet und am 28. März offiziell registriert. [14]

Ein Patent zur Orbo-Technik wurde bislang (Stand: März 2011) Steorn nicht erteilt, ein Patent soll jedoch eingereicht worden sein. Steorn besitzt jedoch mehrere Patente zu Messverfahren von Drehmomenten und „magnetischen Kräften“:[15]

  • PASSIVE MAGNETIC BEARING. Erfinder: MCCARTHY SEAN [IE] ; FLANAGAN SEAMUS [IE]. Anmelder: STEORN LTD [IE]. EC: F16C19/10; F16C32/04; IPC: H02K7/09. US2011001379 (A1) – 2011-01-06
  • TORQUE MEASUREMENT SYSTEM. Erfinder: MCCARTHY SEAN [IE]. Anmelder: STEORN LTD [IE]. ECLA: G01P3/486; G01D5/347C. WO2009087476 (A2) – 2009-07-16
  • SYSTEM AND METHOD FOR MEASURING ENERGY IN MAGNETIC INTERACTIONS. Erfinder: MCCARTHY SEAN DAVID [IE]; SIMPSON ALAN [IE]. Anmelder: STEORN LTD [IE]. ECLA: G01R33/038B; G01R33/038. IPC: G01R33/12; G01L3/00; G01R19/00. US2009009157 (A1) 2009-01-08
  • SYSTEM AND METHOD FOR MEASURING INTERACTION OF LOADS. Erfinder: MCCARTHY SHAUN DAVID [IE]; DALY MICHAEL ANDREW [IE]. Anmelder: STEORN LTD [IE]; MCCARTHY SHAUN DAVID [IE]. ECLA: G01L3/10; G01M13/02H IPC: G01L3/04; G01L3/10; G01L25/00. WO2008020424 (A1) — 2008-02-21
  • LOW ENERGY MAGNETIC ACTUATOR. Erfinder: MCCARTHY SHAUN DAVID [IE]; SIMPSON ALAN [IE]. Anmelder: STEORN LTD [IE]; MCCARTHY SHAUN DAVID [IE]. ECLA: H01F7/02A; H01F7/02B4. IPC: (IPC1-7): H01F7/02. WO2006035419 (A1) – 2006-04-06

Zeitungsartikel

Weblinks

Quellennachweise

  1. The Economist, Anzeige vom 19. August 2006
  2. Archive page of the Orbo claim
  3. 3,0 3,1 Irish ‚energy for nothing‘ gizmo fails jury vetting, Irish Times Wed 06 Jun 2009
  4. Steorn shows revolving Orbo to the public , ZDNet, 15 December, 2009
  5. Irish energy miracle ‚a joke‘TheAge, August 20, 2006
  6. Laws of Physics Apparently Being Rewritten Today, Tech Crunch Jul 4, 2007
  7. http://www.cheniere.org/references/brokensymmetry.htm
  8. Irish firm’s display of ‚free-energy‘ machine delayed, Belfast Telegraph, 5 July 2007
  9. Harsh light shines on free energy, Physics World August 2007
  10. Top 15 Web Hoaxes of All Time, July 15, 2009 by Josh Catone
  11. What is Orbo? (Archiv-Version), Steorn Website, retrieved 23 October 2010
  12. Aussage von Steorn-Chef Sean McCarthy
  13. In August 2006 the Irish company Steorn published an advertisement in the Economist announcing the development of „a technology that produces free, clean and constant energy“. Qualified experts were sought to form a „jury“ to validate these claims. Twenty-two independent scientists and engineers were selected by Steorn to form this jury. It has for the past two years examined evidence presented by the company. The unanimous verdict of the Jury is that Steorn’s attempts to demonstrate the claim have not shown the production of energy. The jury is therefore ceasing work. The jury consists of scientists and engineers in relevant fields from Europe and North America, from industry, universities and government laboratories. Information about individual members can be found at http://web.archive.org/web/20090625022414/http://stjury.ning.com/ (Web-Archiv); siehe auch http://dispatchesfromthefuture.com/2009/06/the_jury_is_in_no_free_energy_from_steor.html
  14. Resignation of McCarthy and new board of directors, Scan of papers
  15. Steorn search in patent database
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Steho Energy AG

 

Die Steho Energy AG ist ein in Luxemburg angemeldetes Unternehmen[1][2] mit deutscher Mobilfunknummer als Kontakttelefon, das im Internet Freie-Energie-Produkte vermarktet. Verwaltungsratspräsident ist der Kaufmann Arthur Tränkle aus 72622 Nürtingen bei Stuttgart (Zitat: „Der Kontostand ist reine Kopfsache“), weitere Gründungsmitglieder und Aktionäre sind die Ingenieure Vladimir Khoryakov[3] und Arkadiy Stepanov[4] aus Russland, der Ingenieur Eugen Jansen und der Wirtschaftsinformatiker Eric Strempel. Das Geschäftsmodell der Steho Energy AG zielt offenbar darauf ab, gutgläubige Lizenznehmer zu finden, die die Produkte gegen ein Entgelt für die Lizenz und nach Unterzeichnung eines Geheimhaltungsvertrags an Endkunden verkaufen.

Zu den von der Steho AG vermarkteten Produkten gehören so genannte nicht Leistung verbrauchende Leistungsverstärker, die nach Angaben der Steho von zwei russischen Wissenschaftlern erfunden wurden, und die ohne eigenen Energieverbrauch mehrere kW elektrischer Energie leisten sollen. Zur Erfindung sollen angeblich 12 Patente erteilt worden sein, die jedoch von der Steho nicht genannt werden. Die beiden russischen Erfinder werden von Steho nicht namentlich erwähnt, genannt werden in einem Fall die Initialen A.S. Denkbar ist, dass es sich um Arkadiy Stepanov und Vladimir Khoryakov handelt. Khoryakov und Stepanov haben mehrere kuriose Erfindungen aus dem Bereich „Freie Energie“ zum Patent angemeldet.

Der „Leistungsverstärker“

Erfinder A.S. demonstriert den Leistungsverstärker[5]

Bei den Leistungsverstärkern soll es sich laut dem einschlägigem NET-Journal von Adolf Schneider um „Solid State“-Geräte[6] ohne bewegliche Teile handeln. Durch eine geheimnisvolle „gezielte Resonanz“ stehe am Ausgang der Geräte mehr Energie zur Verfügung, als den Geräten zugeführt werde, was dem Prinzip eines physikalisch unmöglichen Perpetuum Mobile entspricht. Behauptet wird, dass aus einer (leistungslosen) Blindleistung tatsächlich nutzbare Wirkleistung durch „Resonanz“ und „Aufschaukeln“ entstehe; die zusätzlich gewonnene Energie stamme „nicht aus dem Stromnetz“. Nach Belieben sei es außerdem möglich, die Verstärker hintereinander zu schalten, um beliebige Nutzleistungen zu erzielen. Nach drei solcher „Kaskadenschaltungen“ sollen sich beispielsweise 10 kW Leistung ergeben. Nach Angaben von Steho, die im NET-Journal kolportiert werden, habe der Wunderleistungsverstärker „eine Effizienz von rund 1000%“. Er sei „also offenbar in der Lage [..] eine Eingangsleistung um einen Faktor 10 zu verstärken.“[5] Anekdotisch und nicht überprüfbar wird zudem behauptet, dass angefragte und nicht benannte russische Energieunternehmen an der kostenlosen Energiequelle kein Interesse hätten, da sie russische Öl- und Gasmonopole gefährde.

In der Vergangenheit waren bereits Scharlatanerieprodukte bekannt geworden, die auf mechanische Weise Energie „vervielfachen“ sollten, siehe beispielsweise die betrügerischen Machenschaften der Felix Würth AG, die gutgläubige Anleger prellte. Auch sind seit vielen Jahren in den USA Wunderladegeräte zu erwerben, deren Anbieter behaupten, dass die für Akkumulatoren nutzbare Leistung durch besondere Schaltungskniffe höher sei als die aus dem Netz entnommene Leistung. Alle unabhängigen Tests zeigten jedoch, das dies reine Werbebehauptungen waren.

Erfindungen von Khoryakov und Stepanov

Schaltung des „combined rectfier“ der Erfinder Stepanov und Khoryakov[7]

Khoryakov und Stepanov haben mehrere kuriose Erfindungen aus dem Bereich „Freie Energie“ zum Patent angemeldet. Welche davon den „Leistungsverstärker“ betreffen, bleibt allerdings unklar und wird von Steho nicht mitgeteilt.

  • „Kombinationsgleichrichter“ („combined rectifier“). Für diese Erfindung von Stepanov wurde in Russland ein Patent erteilt.[7] Es handelt sich um eine Art Netzteil, das besonders verlustarm sein soll. Zwei Netztransformatoren sind primärseitig in Reihe geschaltet. Die Sekundärwicklungen sind jeweils mit einem Brückengleichrichter verbunden, auf den der übliche Elektrolytkondensator zur Siebung folgt. Die beiden entstehenden Gleichspannungen sind in Reihe geschaltet. Soweit handelt es sich um ein einfaches Netzteil, das allerdings unnötig hohe Verluste (z.B. wegen vier Diodenstrecken statt zwei) bei erhöhtem Aufwand an Bauelementen hat. Die Besonderheit ist jedoch, dass die Transformatoren primärseitig über eine Diode ans Netz angeschlossen sind, also mit pulsierendem Gleichstrom statt mit Wechselstrom gespeist werden, wodurch die Schaltung ihre Funktion verliert.
  • Eine Stromversorgung (DC-DC-Wandler) für elektrische Geräte mit einer aufladbaren Batterie.[8] Die Batterie soll beim Betrieb gleichzeitig aufgeladen werden, wobei aber die einzige Energiequelle im System eben diese Batterie ist; ein physikalisch unmögliches Prinzip, wie es auf andere Weise auch von der irischen Firma Steorn beansprucht wurde.

Arthur Tränkle

Der Verwaltungsratspräsident der Steho Energy AG gibt auf seinen Xing-Seiten an, einen CASHFLOW® Club Stuttgart gegründet zu haben (Motto: „Spielerisch zu mehr Wohlstand und finanzieller Freiheit“). Er sei auch Geschäftsfüherer einer imPLUSSEIN GmbH gewesen. Diese Firma hat versucht, Blockheizkraftwerke zu vermarkten, die durch „GEET-Technologie“ besonders wenig Treibstoff verbrauchen sollten. GEET steht für „Global Environmental Energy Technology“ und ist ein Konzept aus der Freie-Energie-Szene, das u.a. von Sterling Allan propagiert wird. Tränkle ist außerdem im Vorstand des Stuttgarter Vereins Die Cleverlinge e.V.. Aktuell ist er anscheinend auch Geschäftsführer einer Unicatia GmbH, die den Lesern ihrer Webseiten suggeriert, für Anlagen Renditen von 15,6% anbieten zu können. Nach eigenen Angaben ist der im „Bundesverband Network Marketing“ (BVNM) aktive Finanzexperte Tränkle auch im Bereich des viralen Marketing tätig.[9]

Weblinks

Quellennachweise

  1. Steho Energy AG, Boulevard Joseph II 11A, L-1840 Luxembourg, Luxemburg
  2. MEMORIAL. Amtsblatt des Großherzogtums Luxemburg. C—N° 2413, 7 octobre 2011, 115804
  3. Vladimir Vladimirovich Khoryakov, Ul. Aktyubinskaya 26, Orsk, Orenburgskaya obl. 462429 / RU
  4. Arkady Anatolievich Stepanov, Ul. Novosibirskaya 12-12, Orsk, Orenburgskaya obl. 462420 / RU
  5. 5,0 5,1 NET-Journal Jg. 16, Nr. 9/10 September/Oktober 2011, 4-15
  6. Der Begriff „solid state“ stammt aus der Mitte des 20. Jahrhunderts und bezeichnete damals Geräte, die mit Transistoren – und nicht mit Elektronenröhren – arbeiteten. Der Begriff ist heute überholt.
  7. 7,0 7,1 RU 2408130 C1: Combined Rectifer. Erfinder: Stepanov, Arkadij Anatolevich. Anmeldedatum: 02.11.2009. Veröffentlichungsdatum: 27.12.2010. Auch angemeldet als EP 02387142 A1 (Direktlink beim EPA) und WO 2011/053188 A1
  8. WO 2011/145975 A1: Autonomous electrical power supply source with a recharging function using one rechargeable battery. Anmeldedatum: 12.01.2011. Veröffentlichungsdatum: 24.11.2011. Direktlink bei WIPO
  9. Ich biete Vertriebslehre, Geldlehre, Führung im Vertrieb, ganzheitliches Verkaufen, Entwickeln von haptischen Verkaufsmodellen, Gruppenversicherungen, Rendite-Immobilien, Objekte aus Sondersituationen, Bankenverwertungen, Immobilien mit der höchsten steuerlichen Abschreibung, festverzinsliche Wertpapiere, Vermögensverwaltung, Mietkaution, Versicherungen, Vorträge, Seminare, Türöffner, Denkmal Objekte, Kultur Sponsoring, Kundenveranstaltungen, Praktikumsplätze, Angestelltenverhältnis, Jobs, Girokonten, „Kunden werben Kunden“ Systeme, Internet Vertrieb, Finanztalent, finanzielle Intelligenz, Afterwork CASHFLOW®, Gründung von Stiftungen, Empfehlungsmarketing, Viral Marketing, Konsumenten Netzwerk, passives Einkommen, neue Einkommensquellen, Beziehungsmarketing, Mitmach-Marketing, erlebnisorientiertes Lernen, innovative Bildungsmodelle, Kokon Marketing, Förderung strategischen Denkens, Vermögensbarometer, CASHFLOW® Training, CASHFLOW® Challenge, CASHFLOW® 101 & 202, CASHFLOW® Workshop, Dealflow. Quelle: Arthur Tränkles Seite bei XING
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Helsana-Studie

Die Helsana-Studie war eine begleitende wissenschaftliche Studie aus der Schweiz zu ökonomischen Aspekten der Alternativmedizin.

Es handelt sich bei dieser wissenschaftlichen Untersuchung um eine gesundheitsökonomische Analyse der Wirkungen des Einbezuges komplementärmedizinischer Leistungen in die Krankenversicherung. Sie hat in der Schweiz für erhebliches politisches Aufsehen gesorgt, da sie Mehrkosten komplementärer Verfahren nachweist, obgleich diese keine Verbesserung der Gesundheitslage erbringen. In Österreich und Deutschland blieb diese Studie, wohl auch wegen Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit der komplementären Szenen (v.a. Akupunktur und Homöopathie), nahezu unbeachtet.

Beginnend im Oktober 1993 erhielten 7.500 zufällig ausgewählte Versicherte der Schweizer Krankenkasse Helvetia während 3 Jahren kostenlos eine Zusatzversicherung für Alternativmedizin. Das Zusatzpaket umfasste eine Behandlung durch einen Arzt/Naturarzt, wobei Kosten für Behandlungen durch Akupunktur, Homöopathie, Neuraltherapie, Phytotherapie, anthroposophische Medizin und Osteopathie bis zu einem Betrag von 500 SF/Jahr (1993/94) bzw. bis 1.000 SF/Jahr (1995) übernommen wurden. Medikamentenkosten, die aufgrund von Verordnungen anfielen, wurden nur innerhalb des jeweiligen Maximalbetrages erstattet. Die normale Grundversicherung der Helvetia-Versicherten wurde also kostenlos um einen Alternativ-Grundsockel erweitert.

Zusätzlich wurde Teilnehmern auf freiwilliger Basis ein weiteres Extrapaket namens Helsana angeboten. Hierbei wurden Behandlungen durch einen Naturarzt bis zu 1.500 SF/Jahr oder einen Arzt bis zu 2.000 SF/Jahr übernommen. Heilanwendungen durch einen Arzt/Naturarzt waren bis zu 1.000 SF/Jahr gedeckt und es wurden auch stationäre Kosten bis zu 1.000 SF/Jahr übernommen, so dass im Maximalfall bis zu 4.000 SF/Jahr an Alternativmedizin erstattungsfähig war. Die erstattungsfähigen Verfahren entsprachen jenen in der oben genannten zusätzlichen Alternativ-Grundsockelversorgung.

Die Untersuchung teilte sich nunmehr auf in drei Gruppen:

  • Grundversicherung OHNE Alternativmedizin (n=670.109)
  • Grundversicherung PLUS Alternativ-Grundsockel (auch Experimentgruppe genannt) (n=7.682) mit Erstattung von 500-1.000 SF/Jahr
  • Grundversicherung PLUS erweitertem Alternativ-Grundsockel (Helsana-Gruppe) mit Erstattung von bis zu 4.000 SF/Jahr

Während der Beobachtungsperiode traten aus der Grundversicherung 17,9%, aus der Experimentgruppe 14,2% und aus der Helsana-Gruppe 19,5% aus.

Die Messung des subjektiven Gesundheitszustandes erfolgte mit einem standardisierten Erhebungsbogen (SF-36; 36-Item-Short-Form Health Survey).

Da vielfach – u.a. auch von Homöopathen – behauptet wird, der Einsatz von Alternativmedizin senke Behandlungskosten, ist es interessant festzustellen, dass aus der umfassenden Einbeziehung alternativer Methoden in dieser Studie keine Kostensenkung resultierte. Vielmehr wurden alternativmedizinische Leistungen zusätzlich zu denjenigen der Hochschulmedizin benutzt. In Geld ausgedrückt fielen pro Jahr in der Kontrollgruppe ohne jegliche alternativmedizinische Zusatzversorgung sogar geringgradig niedrigere Ausgaben als in der Experimentgruppe an.

Jahr Experimentgruppe Kontrollgruppe

  • 1992 1.367 SF 1.360  SF
  • 1994 1.697 SF 1.6657 SF
  • 1995 1.888 SF 1.858  SF

Eine ausschließliche Inanspruchnahme alternativmedizinischer Behandlungsverfahren fand in der Experiment- und der Kontrollgruppe 1992 überhaupt nicht statt. Kein einziger Patient schien auf die alleinige Wirkung dieser Methoden zu vertrauen. 1995 war der Anteil nur geringgradig höher, nämlich 0,6% (Experimentgruppe) bzw. 0,4% (Kontrollgruppe), wobei in der Kontrollgruppe nicht erstattet wurde.

Schul- und Alternativmedizin kombiniert wurden 1992 von 0,6% (Experimentgruppe) bzw. 0,5% (Kontrollgruppe) der Versicherten benutzt, während 1995 die Anteile bei 6% (Experimentgruppe) bzw. 4,4% (Kontrollgruppe) lagen. In der Helsana-Gruppe (also bis zu 4.000 SF/Jahr Erstattung alternativer Verfahren), lag der Anteil ausschließlicher Nutzung dieser Verfahren bei 0,5% (1992) und stieg auf 2,1% (1995) an. Eine Kombination lag 1992 bei 8,4% und 1995 schon bei 28,5% vor.

Die oben tabellarisch beschriebenen Zahlen der Jahre 1992-1995 spiegeln nur einen relativ geringen Kostennachteil der alternativen Verfahren im Vergleich zur Hochschulmedizin wieder. Deutlicher wird der Unterschied, wenn die Patienten verglichen werden, die sich mit Helsana-Zusatzversicherung versahen und deren Kostenverhalten den Patienten ohne Helsana-Zusatzversicherung (also normale Hochschulmedizin plus ggf. kostenlosem Alternativ-Sockel) gegenübergestellt wird.

Zu betonen ist, dass die Helsana-Zusatzversicherten in der Regel deutlich jünger waren als die kostenlos Zusatzversicherten und somit auch einen besseren Gesundheitsgrad aufwiesen. Trotzdem ergab sich 1995 am Ende des Versuches, dass Helsana-Patienten insgesamt mit 2.154 SF erheblich mehr Kosten verursachten als die gemischte Kontrollgruppe aus hochschulmedizinisch und/oder mit Alternativ-Grundsockel ausgestatteten Versicherten (1.719 SF). Der Unterschied betrug fast 20%, wobei die Helsana-Versicherten trotz besseren SF-Indexes und niedrigeren Alters sowohl höhere schulmedizinische (1.956 SF) als auch alternativmedizinische (197 SF) Kosten verursachten als die Vergleichsgruppe (1.701 SF respektive 18 SF).

Hinzuzufügen ist, dass vor Beginn der Studie die Versicherten in der Experimental- und der Helsana-Gruppe bezüglich ihrer Befürwortung alternativer Verfahren befragt wurden. In der Experimentalgruppe befürworteten diese Verfahren 17% und in der Helsana-Gruppe 40%. Alternativ- und Hochschulmedizin wurden in 37% (Experimentalgruppe) bzw. 41% (Helsana) befürwortet.

Die Studie kommt insgesamt zu dem Resultat, dass diejenigen Personen, die alternative Methoden von der Krankenkasse vergütet erhielten, unabhängig vom Geschlecht, dem Alter, der schweizerischen Sprachregion und dem Gesundheitsstatus, deutlich höhere durchschnittliche Kosten aufwiesen als jene Versicherten, die keine kostenpflichtige alternativmedizinische Zusatzversicherung (oder gar keine alternative Therapie) angeboten erhalten hatten.

Ein bemerkenswertes Zusatzresultat der Studie ergab die Auswertung der SF-36-Fragebogenresultate. Personen, die hochschulmedizinische Leistungen in Anspruch nahmen, wiesen unabhängig von den kontrollierten soziodemographischen Variablen und der Höhe der Heilkosten einen schlechteren Gesundheitsstatus auf als Versicherte, die keine schulmedizinischen Leistungen in Anspruch nahmen. Patienten, die demnach ärztliche Hilfe suchten, waren deutlich kranker als jene, die keine ärztliche Hilfe benötigten – ein auf der Hand liegender Effekt. Bedeutsam ist jedoch, dass bei denjenigen Patienten, die Alternativmedizin in Anspruch nahmen, der Unterschied zu jenen, die diese Verfahren nicht verwendeten, ausgesprochen gering war. Dies deutet darauf hin, dass Personen, die Alternativmedizin nutzten, im Vergleich zu denjenigen, die schulmedizinische Leistungen abriefen, einen deutlich besseren Gesundheitszustand aufwiesen. Auch lässt sich aus der Untersuchung folgern, dass die Inanspruchnahme von Alternativmedizin in einem deutlich weniger starken Zusammenhang mit gesundheitlichen Problemen steht als bei denjenigen, die schulmedizinische Leistungen abrufen.

Schlussfolgerungen

Aus den Ergebnissen der Helsana-Studie lässt sich folgern, dass:

  • Alternativmedizin teurer als Schulmedizin ist und zwar umso teurer, je bereitwilliger eine Kasse (selbst bei kostenpflichtiger Zusatzversicherung) Therapien zu übernehmen bereit ist.
  • Nutzer von Alternativmedizin weniger krank als jene Patienten sind, die ernsthafte ärztliche Hilfe benötigen. Alternativpatienten verursachen trotz niedrigeren Alters und vergleichbarem Gesundheitszustand bereits vorzeitig höhere Kosten im hochschulmedizinischen Sektor und erhöhen diese Kosten weiter durch die zusätzliche Nutzung alternativer Verfahren.
  • von der Alternativmedizin primär der Leistungsanbieter profitiert, nicht aber der Patient und schon gar nicht die Versichertengemeinschaft.

Quellennachweise

  • Sommer JH, Bürgi M, Theiss R: Komplementärmedizin in der Krankenversicherung. Schweizer Medizinischen Wochenschrift, 128 (Suppl.), 1-128, 1998
  • J.H. Sommer. Gesundheitsökonomische Analyse der Wirkungen des Angebots komplementärmedizinischer Leistungen der Krankenkassen. Forschende Komplementärmedizin 1999;6:7-9 (DOI: 10.1159/000057120) [1]
  • Beule, Wolfgang / Müller, Max / Spicher, Benjamin: Patientenzufriedenheit: Die Helsana-Studie, SGGP-Schriftenreihe 77, Verlag: Schweizerische Gesellschaft f. Gesundheitspolitik. ISBN:978-3-85707-077-8
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Alternativmedizin

Unter Alternativmedizin (zur Etymologie: siehe [1]) versteht man Methoden und Behandlungen, welche nicht von der wissenschaftsbasierten Medizin (auch evidenzbasierte Medizin[2] oder evidence based medicine, EBM) angewendet werden. Vor allem von Befürwortern werden auch die Begriffe Komplementärmedizin, Erfahrungsmedizin und Integrative Medizin benutzt. Im englischen Sprachraum, aber zunehmend auch bei uns, werden komplementär- und alternativmedizinische Verfahren als CAM bezeichnet. Richard Dawkins meinte: „Es gibt keine Alternativmedizin. Es gibt nur Medizin die wirkt und Medizin die nicht wirkt.“[3], eine Sicht, die auch von Tim Minchin in seinem animierten Gedicht „Storm“ geteilt wird.[4]

Edzard Ernst, Professor für Komplementärmedizin an der Universität von Exeter in England argumentiert, dass die Bezeichnung „Complementary and Alternative Medicine“(„CAM“) ein fast sinnloser Überbegriff ist und das Unterscheidungen zwischen diesen Modalitäten gemacht werden müssten. Alle Behandlungen, ob „etabliert“ oder „alternativ“ müssen den selben Standards der wissenschaftlichen Methodik entsprechen. Die „Evidenzbasierte Medizin“ ist ein Ideal, das weder von der etablierten noch von der alternativen Medizin erreicht wurde. Ernst bezeichnet die Beweislage für viele alternative Techniken als schwach, nichtexistent oder negativ, aber gibt an, dass für etwa 20 Behandlungsmethoden Belege vorliegen, speziell für manche Kräuter und Akupunktur – was aber nicht bedeutet, dass die Behandlungsmethoden etabliert sind, speziell nicht weltweit.[5][6]

Das National Center for Complementary and Alternative Medicine NCCAM in den USA definiert komplementär- und alternativmedizinische Therapien als Behandlungen, die anstatt („alternativ“) oder zusätzlich („komplementär“) zu einer konventionellen, etablierten Therapie durchgeführt werden.[7] Eine Behandlung gilt dann als etabliert, wenn die klinische Wirksamkeit in prospektiven, randomisierten Studien zweifelsfrei belegt ist oder eine biologische Rationale die Behandlung als sinnvoll erscheinen lässt. Eine Englisch-Australische Forschergruppe zeigte 2009 mit einem Rechenmodell, dass merkwürdigerweise gerade wenig wenig oder nicht wirksame Methoden die Eigenschaft haben, sich schnell zu verbreiten.[8][9]

Die Begriffe Alternativmedizin und Komplementärmedizin sind daher beschönigend, da sie in der Regel keine wirklichen Alternativen anbieten, sondern nicht oder weniger wirksame, pseudomedizinische Methoden. Das gilt auch für die Bezeichnung Erfahrungsmedizin, mit der die Berufung auf anekdotische Heilerfolge statt auf solide Wirkungsnachweise als positive Eigenschaft dargestellt werden soll.[10] Fast alle alternativmedizinischen Verfahren sind der Pseudomedizin zuzurechnen. In der Regel beruhen die Konzepte der Alternativ- und Komplementärmedizin auf einem Axiom.(eine selbstverständliche Wahrheit, die keinen Beweis benötigt).[11][12]

CAM hat sich zu einem großen Geschäft entwickelt, der weltweite Umsatz wird auf 60 Milliarden U.S. Dollar geschätzt.[8]

Der typische Patient

Der durchschnittliche Patient oder Kunde kann laut Studien durch folgende Eigenschaften charakterisiert werden:[13]

  • jung (30-50 Jahre)[14]
  • höhere Ausbildung
  • schlechtere Gesundheit
  • tendiert dazu politisch „links“ oder „grün“ zu sein[15]
  • relativ hohes Einkommen
  • weiblich
  • eine „ganzheitliche“ Einstellung zur Gesundheit
  • leidet an Angstgefühlen, Rückenschmerzen, chronischen Schmerzen oder Harnwegsproblemen

Anziehungskraft der Alternativmedizin

Für die Beliebtheit von Angeboten außerhalb der wissenschaftsbasierten Medizin wurden einige Faktoren identifiziert.

Menschen die alternative Behandlungen suchten hatten oft extreme Erlebnisse, die ihre Weltsicht veränderten, setzen sich für die Umwelt und Feminismus ein und zeigen Interesse an Spiritualität und persönlichem geistigem Wachstum. Eine Studie stellte fest, dass Unzufriedenheit mit konventioneller Medizin kein entscheidender Faktor für die Verwendung von Alternativmedizin ist. Nur 4,4% der befragten Personen erklärten sich primär auf alternative Therapien zu verlassen. Die Studie folgerte, das Menschen die alternative Gesundheitsversorgung besser zu ihren eigenen Werten, Glauben und philosophischer Einstellung zu Gesundheit und Leben passend finden.[13] Dennoch werden Argumente wie „Heilpraktiker nehmen sich mehr Zeit für den Patienten als Ärzte“ häufig gehört.

Andere Studien fanden, dass Enttäuschung und Misstrauen gegenüber konventioneller Medizin durchaus eine Rolle spielen. Viele Patienten und Kunden finden auch Gefallen an einer mehr oder weniger deutlichen Kritik an „der Schulmedizin“ oder auch „der Pharmaindustrie“, die im alternativmedizinischen Umfeld nicht selten ist. Oft wird auch eine anti-wissenschaftliche Einstellung mit New Age Mystizismus verknüpft. Energisches Marketing und extravagante Behauptungen erzeugen falsche Hoffnungen. Wenn Menschen krank werden, ist jedes Heilversprechen verführend.[16]

Eine Attraktivität kann sich auch aus den typischen Merkmalen pseudomedizinischer Verfahren ergeben, beispielsweise schlichte, anschauliche Erklärungen zum Wirkmechanismus oder das angebliche Fehlen von Nebenwirkungen. Edzard Ernst zeigte mit einer Studie, dass diese Vorstellung falsch ist und tatsächlich Nebenwirkungen auftreten können.[17]

In einem Interview mit der englischen Zeitung „The Independent“ beschuldigte Ernst die Anbieter und die Nachlässigkeit der Ärzte, die die Lücke, in die die alternativen Therapien eingedrungen sind, aufgetan haben:

„People are told lies. There are 40 million websites and 39.9 million tell lies, sometimes outrageous lies. They mislead cancer patients, who are encouraged not only to pay their last penny but to be treated with something that shortens their lives. „At the same time, people are gullible. It needs gullibility for the industry to succeed. It doesn’t make me popular with the public, but it’s the truth.“[18]

Deutscher Markt

In Deutschland ist ein Anstieg der CAM-Anbieter zu verzeichnen. Von 1993 bis 2000 stieg die Anzahl der Heilpraktiker als wichtigster, nichtärztlicher CAM-Beruf um 90% (von 11/100.000 auf 21/100.000 Einwohner). Die ärztlichen CAM-Qualifikationen erhöhten sich im gleichen Zeitraum um 125% (von 19/100.000 auf 43/100.000).[19] 65% der Bevölkerung und fast alle Krebspatienten nutzen die Dienste von CAM mindestens ein mal pro Jahr.[6]

Jährlich werden in Deutschland pflanzliche Heilmittel für rund zwei Milliarden Euro verschrieben und rund neun Milliarden Euro für komplementär- und alternativmedizinische Verfahren ausgegeben (Stand 2006).[20] Fünf Milliarden Euro davon zahlen die Patienten selbst. Vier Milliarden Euro erstatten die Krankenkassen. 40.000 Ärzte bieten entsprechende Therapien an.[21]

Eine weitere Schätzung ergibt, dass in Deutschland der Gesamtumsatz der Branche bei etwa 20% der gesamten Wellnessbranche liegt, die jährlich etwa 50 Milliarden Euro umsetzt.[22]

Amerikanischer Markt

Eine Umfrage 2008 unter Amerikanischen Krankenhäusern durch das „Health Forum“, eine Tochter der American Hospital Association, stellte fest, dass mehr als 37% der antwortenden Krankenhäuser angaben eine oder mehrere alternativmedizinische Therapien anzubieten, was einen Zuwachs von 26,5% seit 2005 darstellt. Mehr als 70% der Krankenhäuser, die CAM Therapien anboten, befanden sich im städischen Bereich.[23]

Für das Jahr 2007 gibt das National Health Statistic Report in einem Artikel vom 30. Juli 2009[24] an, dass amerikanische Patienten 33,9 Milliarden Dollar für CAM-Leistungen und Produkte ausgegeben haben. Auf die Homöopathie entfielen 3 Milliarden, auf Qigong 4 Milliarden. Bei dieser Summe sind Ausgaben für Nahrungsergänzungsmittel mit Vitaminen und Mineralstoffen nicht enthalten.[25] 1997 wurden in den USA für Komplementärmedizin 36 bis 47 Milliarden US-Dollar ausgegeben. Davon wurden 12 bis 20 Milliarden USD aus eigener Tasche für Komplementär-Therapeuten eingesetzt.[26] Dies entspricht der Hälfte der aus eigener Tasche ausgegebenen Summe für eine ärztliche Dienstleistung.

Eine Studie stellte fest, dass im Jahr 2002 27 Milliarden US-Dollar für komplementär- und alternativmedizinische Verfahren durch die Konsumenten selbst ausgegeben wurden.[27] Nach einer weiteren Studie wurde in den USA 1987 viermal mehr Geld für Komplementärmedizin ausgegeben als für die gesamte Krebsforschung.[28] 1981 erzielte Laetrile, ein damals populäres, unwirksames, alternatives Krebsmedikament aus Aprikosenstein-Extrakt, einen Umsatz von 2 Milliarden US-Dollar. Im gleichen Zeitraum wurde für Chemotherapie 0,2 Milliarden US-Dollar ausgegeben.

Forschung

Forschungsgelder für den Bereich der Alternativmedizin stammen in Deutschland zu einem großen Teil von privaten Stiftungen wie:

  • Karl und Veronica Carstens-Stiftung (27 Mio. Euro). Im Mai 2008 sponserte sie mit 1,5 Mio. Euro die Stiftungsprofessur für alternative Medizin an der Berliner Charité.
  • Krupp-Stiftung
  • Kneipp-Stiftung
  • Gerhard Kienle Stiftung
  • Erich Rothenfußer Stiftung

Aber auch Hersteller von alternativmedizinischen Präparaten finanzieren Forschung auf diesem Gebiet. Bionorica und Schwabe haben Forschungsetats von 17 und 25 Mio. Euro. Zwar lassen sich Substanzen, die in der Natur (etwa Pflanzen) vorkommen, nicht patentieren, spezielle Zubereitungen hingegen schon.

Das staatliche National Center for Complementary and Alternative Medicine(NCCAM) hat in den USA ein jährliches Budget von 2,5 Milliarden US-Dollar, finanziert durch den Staat und hat bisher 2,5 Millarden Dollar fpr die Untersuchung von CAM Therapien verwendet.[29][30] Das NCCAM Budget wurde kritisiert, da es trotz der Dauer und Intensität der Studien bisher keine einzige CAM Therapie durch wissenschaftliche Beweise gedeckt werden konnte.[31][32] R. Barker Bausell, ein Experte für Forschung und Autor von „Snake Oil Science“ (Quacksalberwissenschaft) kritisiert, dass „politisch korrekt wurde Unsinn zu untersuchen“.[33]

Wallace Sampson, ein Redakteur des magazins „Scientific Review of Alternative Medicine“ und Professor an der Universität Stanford für Medizin schrieb dass CAM die „Propagierung des Absurden“ sein, basierend auf dem Beispiel, dass Alternative und Komplementäre Medizin als Ersatzbegriff für Quacksalberei,Dubiosität und Unplausibilität geworden sei und das CAM Widersprüche entgegen Vernunft und Experimenten ignoriert.

Zur Zeit (2010) geben das amerikanische „National Center for Complementary and Alternative Medicine“ (NCCAM) und das „Office of Cancer Complementary and Alternative Medicine“ (OCCAM) zusammen pro Jahr 240 Millionen US Dollar der NIH-Behörde aus.[34]

Kritik

Anwender alternativmedizinischer Methoden berufen sich bei der Frage nach einer Wirksamkeit häufig lediglich auf ihre eigene Erfahrung, die sich auf die selektive Auswahl bestimmter eigener Wahrnehmungen in der Vergangenheit bezieht. Derartige retrospektive Betrachtungen haben jedoch keinen beweisenden Charakter. Auch die gelegentlich zu hörende Argumentation Wer heilt hat Recht ist nicht zielführend, da er fast immer eine Verwechslung von Kausalität mit Korrelation aufgrund anekdotischer Erlebnisse oder Berichte ist. Anders ausgedrückt, die Erkrankung könnte statt durch homöopathische Globuli auch genau so gut „von selbst“ verschwunden sein.

Der Begriff einer postulierten und unscharf formulierten „Ganzheitlichkeit“ (meist verbunden mit „von Körper, Geist und Seele“) bleibt innerhalb der Alternativmedizin ein reines Versprechen, das auf Grund des zeitlichen oder finanziellen Bedarfs auch nur schwer umzusetzen wäre (siehe Ganzheitlichkeit nach Issels).

Gefahrenpotential

Die Alternativmedizin birgt Gefahren und Risiken[35][36][37]:

  • Ablehnung effektiver Diagnostik oder Therapie zu Gunsten von pseudomedizinischen Methoden ohne Wirksamkeitsnachweis, mit der Folge einer Verschleppung einer Krankheit, oder dem Erscheinen vermeidbarer Symptome
  • Fehldiagnosen aufgrund mangelhafter medizinischer Ausbildung von in der Alternativmedizin Tätigen
  • Verschlechterung der Therapieaussichten durch vergebliche pseudomedizinische Bemühungen
  • Entstehung von Schuldgefühlen bei Misserfolg, sich selbst oder Angehörigen gegenüber
  • Psychische oder finanzielle Ausbeutung aufgrund eines Heilangebots, das sektenartige Strukturen aufweist
  • Entstehung einer psychischen Abhängigkeit bis hin zur Heilersucht
  • Todesfälle oder körperliche Schäden durch nicht geeignete Verfahren

In einer im Dezember 2010 veröffentlichten Studie des Royal Children’s Hospital in Melbourne wurden 39 Fälle untersucht, bei denen Kinder nach alternativmedizinischen Behandlungen zu Schaden kamen. In 30 Fällen konnte ein Zusammenhang zwischen der Schädigung der Patienten und dem Einsatz alternativmedizinischen Therapieansätzen beziehungsweise der Verweigerung der von den Ärzten verordneten Medikamente hergestellt werden. Vier der Kinder starben, weil die Eltern medizinische Therapien verweigerten. Ein acht Monate alter unterernährter Säugling erlag einem septischen Schock, nachdem er seit dem 3. Lebensmonat wegen einer vermeintlichen Verstopfung auf eine “naturopathische” Reismilchdiät gesetzt worden war. Ein 10 Monate alter Säugling starb ebenfalls an einem septischen Schock, nachdem er wegen eines chronischen Ekzems auf eine restriktive Diät gesetzt worden war. Ein weiteres Kind starb nach mehrfachen epileptischen Anfällen, nachdem die Eltern die antiepileptischen Medikamente aus Angst vor Nebenwirkungen abgesetzt und das Kind mit alternativmedizinischen Mittelchen behandelt hatten. Das vierte Kind erlitt tödliche Blutungen, weil die Eltern die Therapie mit Gerinnungsfaktoren zugunsten einer komplementärmedizinischen Behandlung verweigert hatten.[38][39]

Einschüchterungsversuche und Aktivitäten gegen Kritiker

Personen oder Institutionen, die die Alternativmedizin kritisch betrachten und auf den pseudomedizinischen Charakter hinweisen, müssen auch mit persönlichen Angriffen rechnen. So wurden zwei Frauen, die auf einer Veranstaltung von Helmut Pilhar zur Germanischen neuen Medizin in Frankfurt kritische Fragen zu dem Verfahren stellten, von glatzköpfigen Herren „nach Hause“ begleitet. Die zwei Frauen mussten die Polizei zu Hilfe holen. Auch wollten Frischzellentherapeuten einem Kritiker gerichtlich verbieten lassen, gegenüber der Presse auf Anfrage seine Beurteilung der Frischzellentherapie mitzuteilen.[40] Ein weiteres Beispiel sind Zivilklagen gegen das Projekt Paralexx, die zur dessen zeitweiser Einstellung führten.

Die Stiftung Warentest wollte ein Buch mit kritischer Analyse und Bewertung von Natur- und Alternativmedizin herausgeben. Die Zeitschrift Stern nahm die Chance für eine Vorveröffentlichung auf: Krista Federspiel, eine der beiden Autorinnen, und ihr Kollege Hans Weiss boten an, eine „Wallraffiade“ durch diese Szene zu unternehmen und sich von je zehn Naturheilern eine Diagnose erstellen zu lassen. Der Stern garantierte eine großzügige Bezahlung für die Reportage und forderte einen zweiten Teil an, in dem von Alternativmethoden Geschädigte namentlich vorgestellt werden sollten. Zum Nachweis, dass die Journalisten tatsächlich bei den Naturheilern waren, hielt ein Fotograf das Geschehen fest. Jeder besuchte Heiler dichtete den Probanden mehrere Krankheiten an: Insgesamt wurden 38 verschiedene Krankheiten sowie eine Unzahl von Störungen und Allergien attestiert und mehr als 130 Medikamente verschrieben. Als die Reportage „Wunderheiler und Krankbeter“ im Stern 49/1991 zu lesen war, löste die darin erhobene Kritik so viel Empörung und massive Proteste von Heilpraktikern aus, dass die Redaktion aus Angst vor Leserverlust die Veröffentlichung des zweiten Teils scheute und ihn schließlich ganz absagte. Man gab die Rechte an die Autoren zurück.[41]

In einer Sendung des ZDF vom 5. September 2007 mit dem Titel „Heilen mit dem Nichts?“ berichtete der Journalist Joachim Bublath über wissenschaftliche Erkenntnisse zur Homöopathie (unter anderem über eine Analyse des renommierten The Lancet[42]), die eine etwaige Wirksamkeit dieser umstrittenen Methode gegenüber Placebos in Frage stellte. Die Folge waren Aufrufe von Homöopathie-Befürwortern zum spamming und das ZDF kuschte, indem es die Webseiten mit den zitierten Lancet-Angaben löschte.[43][44]

Literatur

(Deutsch)

  • Shermer M. und Lee Traynor: Heilungsversprechen – Alternativmedizin zwischen Versuch und Irrtum, Skeptisches Jahrbuch III, Alibri, 2004, ISBN 3-932710-86-X
  • Ullmann Christian: Fakten über die „andere Medizin“. Augsburg: Foitzick 2006
  • Lambeck Martin, Irrt die Physik?: (2003) Über alternative Medizin und Esoterik, Beck Verlag
  • Heyll Uwe, Wasser, Fasten, Luft und Licht: Die Geschichte der Naturheilkunde in Deutschland, (2006) Campus Verlag
  • Goldner C: Alternative Diagnose- und Therapieverfahren: Eine kritische Bestandsaufnahme. Alibri 2008 ISBN-10: 3865690432
  • Federspiel K., I. Lackinger-Karger: Kursbuch Seele. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1996 (544 S.)
  • Beyerstein B.L.: Warum falsche Therapien zu wirken scheinen. In Shermer/Traynor (s. u.)
  • Harder Bernd: Stimmt es, dass Recht hat, wer heilt? Skeptiker 2/07, 74-75
  • Much Theodor: Der veräppelte Patient?: Alternativmedizin zwischen (Aber-)Glauben und Wissenschaft. Verlag: EDITION VA bENE, Klosterneuburg; 2003. ISBN-10: 3851671430
  • Oepen I.: An den Grenzen der Schulmedizin. Eine Analyse umstrittener Methoden. Köln: Dt. Ärzte-Verlag 1985
  • Oepen I., O. Prokop (Hrsg.): Außenseitermethoden in der Medizin. Ursprünge, Gefahren, Konsequenzen. WBG 1989
  • Oepen I. (1993): Unkonventionelle medizinische Verfahren, Stuttgart.
  • Oepen I., Amardeo Sarma (Hrsg.)(1998): Paramedizin – Analysen und Kommentare, Muenster.
  • Oepen I., R. Scheidt: Wunderheiler heute. Eine kritische Literaturstudie. München: Zuckschwerdt 1989
  • Siebert A.: Strafrechtliche Grenzen ärztlicher Therapiefreiheit. Berlin: Springer 1983
  • Weber Tobias: Christian Ullmanns „Fakten über die andere Medizin“. Skeptiker 19 (3/06) 103-106

(Englisch)

  • Randi J.: Flim-Flam! Buffalo: Prometheus 1982, chapter 9 (The medical humbugs)
  • Stalker D., C. Glymour (eds.): Examining holistic medicine. Buffalo: Prometheus 1985
  • R. Barker Bausell: Snake Oil Science. The Truth about Complementary and Alternative Medicine, B&T, 2007
  • Margaret Thaler Singer und Janja Lalich: (1996) „Crazy“ Therapies – What are they? Do They Work? San Francisco: Jossey-Bass Publishers, 1996
  • Ernst E.: The Desktop Guide to Complementary and Alternative Medicine. An evidence-based approach. Mosby, Harcourt Publishers Limited 2001
  • Ernst E. How to get rich quickly with ‚alternative‘ medicine Skeptical Inquirer 2009, Mar-Apr S. 57
  • Singh Simon, Ernst Edzard, Trick or Treatment: The Undeniable Facts about Alternative Medicine, (2008) Random House
  • Ben Goldacre, Bad Science: Quacks, Hacks, and Big Pharma Flacks, Faber & Faber; ISBN 978-0865479180

Siehe auch: Helsana-Studie

Weblinks

Quellenangaben

  1. „alternativ“: etymologische Bedeutung. Adj. „eine zweite Möglichkeit bildend“. In lateinischer Form begegnet das Adverb alternative (vgl. mlat. alternativus Adj.) seit dem 15. Jh. in dt. Texten. Mit beginnendem 18. Jh. wird das auslautende -e aufgegeben und adjektivischer Gebrauch möglich. Zugrunde liegt lat. alternus „abwechselnd“. Ableitung von lat. alter „der eine von zweien, der andere“. – Alternative für „Entscheidungszwang zwischen zwei Möglichkeiten.“ Zuerst in lat. Form Alternativa (Leibniz 1670); danach gewinnt das Wort mit deutscher Endung (wohl unter Einfluss von gleichbed. frz. alternative) rasch an Verbreitung. Quelle: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 5. Auflage 2000. München: DTV
  2. Die Bezeichnung Evidenz wird in Zusammenhang mit Medizin auf die Bedeutung von evidence(Beweis) im Englischen bezogen, welche nicht mit der von Evidenz im Deutschen übereinstimmt. Eine sinngemäßere Übersetzung wäre vielleicht „beweisbasierte Medizin“
  3. Dawkins, Richard (2003). A Devil’s Chaplain. United States: Houghton Mifflin. p. 58. ISBN 978-0-618-33540-4.
  4. Storm!!!!!!!!, by Tim Minchin, April 8, 2011, abgerufen am 4. Juni 2011
  5. Cosmo Learning: Alternative medicine, abgerufen am 4. Juni 2011
  6. 6,0 6,1 GWUP-Tagung in Wien, zweiter Tag: Homöopathie und der Mozart-Effekt, Florian Freistetter, ScienceBlogs, abgerufen am 4 Juni 2011
  7. What Is Complementary and Alternative Medicine?, National Center for Complementary and Alternative Medicine NCCAM, abgerufen am 3. Juni 2011
  8. 8,0 8,1 Tanaka MM, Kendal JR, Laland KN (2009) From Traditional Medicine to Witchcraft: Why Medical Treatments Are Not Always Efficacious. PLoS ONE 4(4): e5192. doi:10.1371/journal.pone.0005192
  9. Quack remedies spread by virtue of being useless, New Scientist, May 01, 2009
  10. complementary medicine im Skeptic Dictionary, abgerufen am 4. Juni 2011
  11. So genannte „alternative“ Behandlungen der ADHS, Götz-Erik Trott, December 17, 2008 page 10
  12. axiom. Dictionary.com. Dictionary.com Unabridged. Random House, Inc. http://dictionary.reference.com/browse/axiom (abgeholt: 3. Juni 2011).
  13. 13,0 13,1 Astin JA (May 1998). „Why patients use alternative medicine: results of a national study“. JAMA 279 (19): 1548–53.
  14. Richardson MA, Ramirez T, Palmer JL (2000): Complementary/alternative medicine use in a comprehensive cancer center and the implications for oncology. J Clin Oncol 18: 2505-2514
  15. Lee MM, Lin SS, Wrensch MR (2000): Alternative therapies used by women with breast cancer in four ethnic populations. J Natl Cancer Inst 92: 42-47
  16. Beyerstein BL (March 2001). „Alternative medicine and common errors of reasoning“. Academic Medicine 76 (3): 230–7.
  17. Complimentary Medicine, N. C. Abbot, A. R. White & E. Ernst, Nature 381, 361 (30 May 1996), doi:10.1038/381361a0
  18. Complementary therapies: The big con?, The Independent, 22. April, 2008, abgeholt 4. Juni, 2011
  19. Susanne Weinbrenner, MPH FG Management im Gesundheitswesen, Technische Universität Berlin
  20. Anja Achenbach: Millionenmarkt Naturheilkunde. In: Financial Times, 21. Januar 2009
  21. http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=heft&id=57593 Deutsches Ärzteblatt 104, Ausgabe 46 vom 16. November 2007
  22. Horst Klinkmann, Third National Conference for Health Economics (Rostock), 2007
  23. Latest Survey Shows More Hospitals Offering Complementary and Alternative Medicine Services, Press Release, American Hospital Association, accessed June 4, 2011
  24. Richard L. Nahin, Patricia M. Barnes, Barbara J. Stussman, Barbara Bloom. NHSR, Number 18 n July 30, 2009. Costs of Complementary and Alternative Medicine (CAM) and Frequency of Visits to CAM Practitioners: United States, 2007
  25. http://www.quackometer.net/blog/2009/07/what-would-34-billion-of-quack-money.html
  26. Eisenberg DM, Davis RB, Ettner SL, Appel S, Wilkey S, Van Rompay M, Kessler RC. Trends in alternative medicine use in the United States, 1990–1997: results of a follow-up national survey. JAMA 1998;280:1569–75
  27. Curt G.A.: Introduction: Complementary and Alternative Medicine in Cancer Treatment. Sem Oncol 2002; 29: 529-530
  28. McGinnis L.S.: Alternative therapies, 1990. An overview. Cancer 1991; 67 (6 Suppl): 1788-1792
  29. The AP shoots and scores again, scienceblogs.com
  30. Research Results NCCAM
  31. Scientists Speak Out Against Federal Funds for Research on Alternative Medicine, David Brown, Washington Post, March 17, 2009
  32. Why the National Center for Complementary and Alternative Medicine (NCCAM) Should Be Defunded, Wallace I. Sampson M.D., Quackwatch, December 2002
  33. $2.5 billion spent, no alternative cures found, msnbc.com
  34. Salzberg S. Save taxpayer $$$: Eliminate alternative medicine research. Forbes.com, 18. Juni 2010 [1]
  35. Markman M (2002): Safety issues in using complementary and alternative medicine. J Clin Oncol 20: 39-41
  36. http://sekten-info-nrw.de/index.php?option=com_content&task=view&id=59&Itemid=36
  37. http://www.eurekalert.org/pub_releases/2010-12/bmj-cmc122210.php (engl.)
  38. http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/44039/Paediatrie–Tod-nach-Alternativmedizin.htm
  39. http://adc.bmj.com/content/early/2010/11/24/adc.2010.183152.short?q=w_adc_ahead_tab (engl.)
  40. LG Stuttgart AZ 17 0 289/76 Streitwert 500.000 DM
  41. http://kritischgedacht.wordpress.com/2007/12/25/sanfte-alternative/
  42. Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy, The Lancet, 2005
  43. http://www.promed-ev.de/modules/news/article.php?storyid=110
  44. http://www.bdhn-ev.de/uploads/media/Die_modernen_Wunderheiler.pdf abgerufen am 13. Juni 2011
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Esoteriksucht

Mit Esoteriksucht (Heilersucht, Orakelsucht) wird eine Form der Verhaltenssucht bezeichnet, die viele Parallelen zur Glücksspielsucht aufweist. Da die Vorhersagen aufgrund bestimmter Techniken manchmal bis oft zuzutreffen scheinen (Cold Reading, Barnum-Effekt), lassen sich die Betroffenen weiter beraten in der Hoffnung, dass die erwünschten Zusagen eintreffen werden.

Auslöser für die Sucht sind oftmals Notlagen wie z.B. Liebeskummer, in denen die Betroffenen sich von Kartenlegern, Wahrsagern oder Schamanen beraten lassen. Im Laufe der Zeit geraten sie in eine zunehmende psychische Abhängigkeit und geben immer mehr ihre Selbstbestimmung auf. Es werden insbesondere Dienste von Telefonorakel-Hotlines beansprucht, aber auch Zukunftsdeuter aufgesucht. Dabei kommen leicht Kosten im vier- bis fünfstelligen Bereich zustande. In Extremfällen werden die Abhängigen in den finanziellen Ruin getrieben, auch Partnerschaften oder Familien können zerbrechen. Im spezielleren Fall einer Heilersucht, bei der die Betroffenen auf pseudomedizinische alternative Heilmethoden vertrauen, statt sich medizinisch behandeln zu lassen, besteht zudem eine Gesundheits- bis Lebensgefahr.[1]

Die Betroffenen sind überwiegend weiblich und stammen aus allen Gesellschafts- und Bildungsschichten, ein vorheriger Hang zur Esoterik ist nicht in jedem Fall gegeben. Die Sucht ist in den Medien noch relativ unbekannt, so dass die Betroffenen oft annehmen, sie seien ein Einzelfall. Aus Gründen der Scham verheimlichen sie oft ihre Sucht.

Einige Wahrsager weisen mittlerweile auf ihren Webseiten auf die Suchtgefahr hin.

Suchtberatung

Erstberatung und Vermittlung zu Hilfsangeboten für Betroffene und Angehörige bieten Suchthilfe-Notfalltelefone, Suchthilfe-Zentralen und Suchtberatungsstellen sowie die parapsychologische Beratungsstelle in Freiburg[2], ferner auch Schuldnerberatungsstellen. Außerdem existiert in München eine Selbsthilfegruppe für Esoteriksucht.

Siehe auch

Weblinks

Links zu Beratungs- und Vermittlungsstellen:

Quellennachweise

  1. http://www.ksta.de/html/artikel/1182933910132.shtml
  2. http://www.parapsychologische-beratungsstelle.de/
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Esoterik

Der Begriff Esoterik stammt aus dem altgriechischen esoterikós, was „innerlich“ oder „nach innen gerichtet“ bedeutet und bezeichnete zunächst geheime Lehren. Die heutige Bedeutung deckt sich weitgehend mit dem moderneren Begriff New Age oder neuer Okkultismus.[1] Der Begriff Esoterik bezeichnete früher Riten und Gebräuche innerhalb geschlossener Kultverbände, die Außenstehenden weitgehend verborgen blieben und vor diesen geheim gehalten wurden. Er steht heute für eine große Zahl recht unterschiedlicher Lehren und Weltanschauungen, denen Annahmen zugrunde liegen, nach denen eine wissenschaftliche, rationale Beschreibung der Welt unmöglich sei. Dem entsprechend haben esoterische Lehren eines gemeinsam: Sie sind nicht überprüf- oder falsifizierbar, werden aber mit Absolutheitsanspruch vertreten. Eine einheitliche und von allen Seiten anerkannte Esoteriklehre gibt es nicht und wird in der Szene auch nicht angestrebt.

Allgemeines

Mit Bezeichnungen wie Esoterik, New Age und Okkultismus werden besondere, nicht-religiöse Erkenntniswege und Handlungsformen zusammengefasst, in denen die Rolle der individuellen, subjektiven, oft außergewöhnlichen Erfahrung betont wird, die sich einer rationalen Mitteilbarkeit und vor allem einer intersubjektiven Überprüfbarkeit entzieht. Die Esoterik geht von bestimmten spirituellen Eigenschaften des Einzelnen aus, deren Beschreibungen in den allermeisten Fällen als nicht wissenschaftlich falsifizierbare Äußerungen zu verstehen sind. Dennoch wird manchmal auch von Vertretern esoterischer Lehren ein Anspruch auf wissenschaftliche Überprüfbarkeit bei einzelnen Fragen erhoben, was in der Regel zu pseudowissenschaftlichen Argumentationsversuchen führt. Ein auffälliges Merkmal bei Esoterikern ist außerdem der unreflektierte Gebrauch von Wörtern und Begriffen, die aus anderen Wissensgebieten entlehnt werden, häufig aus den Naturwissenschaften.

Ein verbindendes Element vieler esoterischer Lehren ist der Anspruch auf die Wahrheit zu Schlüsselfragen der Menschheit. Sie behaupten ein Wissen um „höhere Mächte“, um Vergangenheit und Zukunft der Menschheit, und enthalten Versprechungen zu Aufstiegen in höhere Sphären oder zu höheren Erkenntnissen, die aber Nichteingeweihten verwehrt bleiben.[2] Nebenbei stellt diese Beschränkung von Wissen auf Eingeweihte das genaue Gegenteil eines wichtigen Prinzips von Wissenschaft dar: Dort steht eine gute Idee grundsätzlich allen Menschen zur Verfügung und nicht nur einem erlesenen Kreis.

Die Esoterik bezieht einen Teil ihrer Verführungskraft aus narzisstischen Bedürfnissen: Wer will schon nur ein Lidschlag der Evolution oder ein „Nanopartikel“ in einem unbegreiflichen und unendlichen Universum sein, wenn er beispielsweise seine Geburt und sein Schicksal als mit kosmischer Bedeutung aufgeladenes Einzelereignis interpretieren kann? Sorgen um eine prinzipiell nicht vorhersagbare Zukunft rufen nach einer höheren Instanz, die sagt, wo es langgehen soll. Ein weiterer Teil der Anziehungskraft mag daher kommen, dass die Welt schwer zu verstehen ist und etablierte Wissenschaften kompliziert und anstrengend sind. Eine Beschäftigung mit Esoterik kann einem dagegen den schmeichelhaften Eindruck vermitteln, alles zu verstehen, zu durchschauen und mit Sinn versehen zu können.[3]

Die menschliche Seele wird häufig als unsterblich bezeichnet, das Schicksal des Einzelnen als vorbestimmt. In esoterischen Praktiken und Lehren konzentriert sich die Sehnsucht vieler Menschen nach etwas Geheimnisvollem, das sich hinter der banalen materiellen Welt verberge. Eine Kommunikation mit andern Menschen oder gar mit „höheren Wesen“ oder mit Verstorbenen z.B. sei auch auf Wegen möglich, die zusätzliche „Kanäle“ zu den fünf Sinnen des Menschen voraussetzen. Solche Phänomene stellen für Esoteriker kein logisches Problem dar, da die bekannten Naturgesetze ja aus ihrer Sicht zu beschränkt zur Erklärung der Welt sind.

Insgesamt fällt eine schwache Institutionalisierung im Esoterikbereich auf.[4]

Ersatzreligion

Nicht nur evidenzbasiertes, wissenschaftliches Denken, auch die herkömmlichen Religionen werden in der Esoterik als ungenügend zur Erklärung der Welt angesehen. Esoterische Lehren wurden in der Vergangenheit auch als „Ersatzreligionen“[5] oder „säkularistische Ersatzreligion“ zu den europäischen Großkirchen angesehen.

Subjektivierung der Natur

Die „Psychisierung“ oder Subjektivierung der Natur beispielsweise als Mutter Erde oder Gaia ist ein weiteres Merkmal vieler esoterischer Vorstellungen.[6]

Sprache der Esoterik

Die Esoterik bedient sich eines eigenen Wortschatzes. So gibt es Begriffsfindungen wie kosmisches Bewusstsein, Paradigmenwechsel, Transformation oder Wassermannzeitalter. Den einzelnen Begriffen fehlt jedoch eine exakte Definition. Man kann es sogar als ein wesentliches Merkmal der Esoterik ansehen, dass klare Definitionen vermieden werden. Teilweise werden Wörter aus den Naturwissenschaften entlehnt und mit neuer, aber eben unklar gehaltener Bedeutung eingeführt. Es wird nicht gesagt, was mit Quanten, Energie oder Schwingung gemeint ist, oder wenn, dann durch Scheinerklärungen mit ebenfalls diffus gehaltenen Begriffen, was esoterischen Darstellungen häufig den Vorwurf der „Schwurbelei“ einbringt.

Das schwammige Vokabular der Esoterik erschwert das Verständnis für esoterische Zusammenhänge, ermöglicht den Anhängern jedoch, ihre Lehrgebäude fast nach Belieben gegen Kritik oder überhaupt gegen „außen“ zu immunisieren. Es ist auch deshalb erwünscht, weil es das angenehme Gefühl vermitteln kann, sich mit Gleichgesinnten zu verstehen. In diesem Zusammenhang ist zu beobachten, dass Konsumenten esoterischer Angebote meist unkritisch sind. Das Einfordern von Erklärungen beispielsweise würde den Wohlfühleffekt ja auch empfindlich stören, weil man sich damit praktisch selbst aus dem Kreis der „Wissenden“ ausgrenzt.

Gegenwart

Die heutige Ausprägung der Esoterik erreichte Deutschland einmal gegen Ende des 19. Jahrhunderts und dann vor allem ab den 1970er Jahren. Sie hat eine große wirtschaftliche Bedeutung erlangt (siehe: Esoterikmarkt) und damit auch Personen erreicht, die ursprünglich nicht die Zielgruppe waren. Im Gegensatz zu früher ist heute jeder ein potenzieller Kunde esoterischer Produkte und Dienstleistungen. Faktisch sind esoterische Lehren also keine Geheimlehren mehr, dennoch macht der Anschein eines „höheren“ Wissens, mit dem man sich von anderen absetzen kann, einen großen Teil ihrer Attraktivität aus.

Eine große Zahl von esoterischen Autoren, Beratern und Heilern setzt Jahr für Jahr allein in Deutschland Milliarden Euro um. Millionen von Menschen suchen auf esoterischem Weg eine Lösung bei Alltagsproblemen oder Lebenskrisen, obwohl die Wirksamkeit der Angebote zumeist im besten Fall unbekannt ist. Anbieter wissen oftmals selbst nichts über die Einzelheiten oder die Geschichte ihrer esoterischen Lehre: Sie ist zur Ware geworden wie andere Konsumgüter. Entsprechend wechseln auch die Vorlieben der Anhänger der Esoterik. Wenn eine Praktik versagt oder langweilig wird, wird sie gegen eine andere ausgetauscht.

Die Esoterik bietet eine individuelle Möglichkeit, sich von der Masse der Menschen abzusetzen, sich selbst als Wissender „höherer Erkenntnisse“ zu sehen, sich aber gleichzeitig der persönlichen Verantwortung zu entledigen. Ihre Anhänger können dazu im Rahmen esoterischer Lehren angehalten werden, alle Ereignisse der Welt, auch Erscheinungen wie soziale Ungerechtigkeiten und Rassismus, als richtig und gegeben hinzunehmen. In diesem Sinne kann der esoterische Irrationalismus durchaus systemstützend wirken. Der Mensch kann unter dem schwammigen Schlagwort einer „Ganzheitlichkeit“ im esoterischen Sinne seiner individuellen Freiheit beraubt werden. Er kann dazu angehalten werden, seine Lebenssituation oder die anderer Menschen als kosmisch vorgeschrieben oder gewollt anzusehen (siehe: Karma).

Nationalsozialismus und rechtsgerichtete Gruppierungen der Gegenwart

Ein besonderes Kapitel ist die Esoterik im Nationalsozialismus und der heutigen „braunen Esoterik„. In der Tat zeigen sich heute Bezüge zwischen Esoterik und der extremen Rechten in Deutschland, aber auch im Ausland. Nach Ansicht von Barth hat die esoterische Bewegung Positionen, welche bis vor zehn Jahren als Rechtsaußen galten, zu breiter Akzeptanz verholfen. Insbesondere in der Verharmlosung der Verbrechen des deutschen Faschismus ist ihr eine Vorreiterrolle zuzurechnen.[7] So ist es in solchen Kreisen nicht unüblich, den Holocaust als unausweichliche Folge des jüdischen Karmas zu erklären.

Es gibt jedoch auch Überschneidungen von Esoterik und links-alternativem Milieu, wie z.B. im Veganismus und Ökologismus.

Beispiele esoterischer Lehren

Als Beispiele für typische esoterische Weltanschauungen können die Astrologie, die neopagane Bedeutung des Schamanismus, die Theosophie und die Anthroposophie von Rudolf Steiner angesehen werden. Weitere Beispiele für aktuelle esoterische Lehren sind der Breatharianismus (Lichtfasten) und die indigene Spiritualität.

Esoterik im Gesundheitsbereich

Viele alternativmedizinische Angebote sind esoterisch beeinflusst. Ein typischer Exponent dieser Szene ist Rüdiger Dahlke, der selbst davon spricht, „esoterische Medizin“ auszuüben.[8] Esoterische Grundannahmen scheinen bei fehlenden Wirksamkeitsnachweisen unentbehrlich zu sein, um das entsprechende Angebot attraktiv zu gestalten und gegen herkömmliche Therapieangebote abzugrenzen und in Schutz zu nehmen. Die ungenau und unterschiedlich definierten Begriffe der heutigen Esoterik lassen sachliche Kritik an entsprechenden Heilverfahren scheinbar ins Leere laufen.

Übergänge zu solchen alternativmedizinischen Angeboten, die durchaus den Anspruch erheben, auf wissenschaftlichem Boden zu stehen, sind fließend: Esoterische Elemente finden sich auch in Beschreibungen von pseudomedizinischen Verfahren wie Energiemedizin, Quantenmedizin, Bioresonanz und so weiter. Das betrifft beispielsweise die Vermeidung von sauberen Begriffserklärungen.

Im esoterisch beeinflussten Medizinmarkt werden oft nicht nur unhaltbare Gesundheitsversprechen gemacht, die Verfahren sind auch eine potenzielle Gefahr für Klienten oder Patienten: Das zum Überleben notwendige rationale logische Denken droht nebensächlich zu werden; kompetente Hilfe durch Experten in Anspruch zu nehmen kann versäumt oder verweigert werden. Verbreitet ist bei solchen Menschen auch eine Wissenschaftsfeindlichkeit. Vorurteile und Vorbehalte werden durch esoterische Literatur und entsprechende Internetseiten und TV-Kanäle gefördert. Ein typisches Beispiel ist der esoterisch beeinflusste Bereich der Impfkritik, die beispielsweise unter Anthroposophen verbreitet ist.

Esoterik- und Heilersucht

Die Inanspruchnahme esoterischer und alternativmedizinischer Angebote kann sich zu einer Sucht entwickeln.

Siehe Esoteriksucht

Zitate

  • Der faule Zauber ist nicht anders als die faule Existenz, die er bestrahlt. (Theodor W. Adorno)

Literatur

  • Friedrich Balke: Mystische Subjektivierung oder: Die Kunst der Erhebung über das Wissen. In: Erfahrung und System. Mystik und Esoterik in der Literatur der Moderne. Bettina Gruber. Opladen: Westdeutscher Verlag 1997, S.27-48
  • Claudia Barth: Über alles in der Welt – Esoterik und Leitkultur – eine Einführung in die Kritik irrationaler Welterklärungen. Alibri-Verlag, 2003, 206 Seiten, ISBN 3-932710-36-3
  • Hans-Michael Baumgartner (Hrsg.): Verführung statt Erleuchtung. Sekten, Scientology, Esoterik. Düsseldorf: Patmos 1993 (aus katholischer Sicht).
  • Antoine Faivre: Esoterik im Überblick (zuerst frz. 1992), Freiburg / Basel / Wien 2001
  • Antoine Faivre / Wouter J. Hanegraaff (Hrsg.): Western Esotericism and the Science of Religion. Leuven 1998
  • Wouter J. Hanegraaff: Dictionary of Gnosis & Western Esotericism, Bd. 1, Leiden / Boston 2005
  • G. Kern, L. Traynor (Hrsg.): Die esoterische Verführung. Angriffe auf Vernunft und Freiheit. Aschaffenburg: Internat. Bücherdienst der Konfessionslosen (IBDK) 1995
  • H. Platta: Das Böse – zu rechtsextremistischen Denkstrukturen in der zeitgenössischen Esoterikbewegung. Psychologie Heute, Juli 1997
  • Wolf Schneider: Kleines Lexikon esoterischer Irrtümer. Von Astrologie bis Zen. Gütersloher Verlagshaus [1]
  • Hugo Stamm: Achtung Esoterik – Zwischen Spiritualität und Verführung. Pendo-Verlag Zürich und München, 2000. ISBN 3-85842-388-2
  • Kocku von Stuckrad: Was ist Esoterik? Kleine Geschichte des geheimen Wissens, München 2004
  • Herbert Uhlen: Vom ungläubigen Thomas lernen. Warum sich Wissenschaft und Religion nicht vertragen. K. Fischer, Aachen 2006
  • Der Spiegel: Reise-Ziel Sirius Heft 3/1998, S.166-175

Weblinks

Quellennachweis

  1. Bochinger, Christoph (1994): ‚New Age‘ und moderne Religion. Gütersloh
  2. Heelas, Paul (1996): The New Age Movement. Oxford.
  3. H. Uhlen: Vom ungläubigen Thomas lernen. Warum sich Wissenschaft und Religion nicht vertragen. K. Fischer, Aachen 2006, S.225
  4. Knoblauch, Hubert (1989), Das unsichtbare neue Zeitalter. „New Age“, privatisierte Religion und kultische Milieus, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie
  5. Möth Ingo: (1989) New Age und Esoterik – Ersatzreligionen oder Protestbewegung? IWK-Reihe „New Age“
  6. Irmgard Oepen, Krista Federspiel, Amardeo Sarma: Lexikon der Parawissenschaften: Astrologie, Esoterik, Okkultismus, Paramedizin, Parapsychologie kritisch betrachtet. Lit-Verlag 1999, Seite 88. ISBN-10: 3825842770
  7. Claudia Barth, Über alles in der Welt – Esoterik und Leitkultur – eine Einführung in die Kritik irrationaler Welterklärungen. Alibri-Verlag, 2003, 206 Seiten, ISBN 3-932710-36-3
  8. http://www.metamedizin.info/imma/artikel_ruedigerdahlke_krankheitalssprachederseele.shtml
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